Hofmatt

Goldschale / Planeten

 

Laudatio Galerie Hofmatt Sarnen
Ausstellung Andrea Röthlin 3. März 2012

Guten Abend liebe Kunstbeseelte

Ich beginne mit einem Zitat von Hilde Domin, die sagte: „Jeder meint, dass seine Wirklichkeit, die richtige Wirklichkeit ist.“ Ihre Aussage erkläre ich mir so: Jede und jeder lebt oder erlebt eine eigene Wirklichkeit, die tausend andern Wirklichkeiten gleichen kann, aber nie die einzig richtige ist. Es gibt immer Unterschiede, grobe und feine, offensichtliche und verborgene. Es kann eine suchende und zweifelnde Wirklichkeit sein. In der Auseinandersetzung mit der eignen und fremden Wirklichkeit entsteht eine Spannung und Voraussetzung für das Kunstschaffen. In diesem Sinne halte ich hier meine kleine Rede zum neuesten Schaffen von Andrea Röthlin.
Erst habe ich mich aber kurz mit der Grundlage von Kunst befasst und Andrea über die Schultern geguckt.

Hier meine nicht ganz zuverlässigen Notizen zum Werdegang eines Kunstdruckes.
Man nehme einen Büttenpapierbogen, also handgeschöpftes Papier.
Reisse das Papier auf das gewünschte Format.
Das Papier im Wasserbad durchtränken.
Man nehme eine Kupferplatte und schabe, schleife, kratze oder ätze ihre Oberfläche.
Man mische die ölige Tiefdruckfarbe.
Man trage die Farbe mit einer Handwalze auf die mit einem Rechaud vorgewärmte Kupferplatte, und drücke die Farbe mit den Fingern und der Hand in die Vertiefungen in der Platte.
Anschliessend Farbe mit Gaze abreiben und dann Farbe von Hand wegwischen, denn die poröse Haut der Hand eignet sich besser als Leder.
Einlegen des Büttenpapiers auf die Druckplatte.
Auflegen der Kupferplatte und mit Seidenpapier abdecken.
Das Ganze mit einer Filzmatte zudecken.
Durch Drehen der zwei Walzen der Druckpresse überträgt sich die Farbe von der Kupferplatte auf das Büttenpapier.
Kupferplatte und Papier auspacken.
Begutachtung des Resultats.
Wiederholung des Vorganges mit anderer Kupferplatte und anderer Farbe: so entsteht ein mehrfarbiger Druck.
Falls Goldapplikation erwünscht, Pinsel im eigenen Kopfhaar durch Reiben statisch aufladen und damit ultraleichte Goldfetzen Blattgold auf Papier auftragen.
Papier nochmals in die Druckpresse.
Voilà. Fertig. Kunst lag nach der kurzen Einführung nicht vor. Aber ich habe verstanden, dass das Handwerk die Grundlage der Kunst ist.

Schnell ein Wort zu mir. Seit Jahrzehnten kenne ich das Obwalden Valley. Aber erst kürzlich habe ich per Zufall entdeckt, dass der Sarnersee von oben gesehen einem Fjord oder einem breiten Fluss gleicht. Er ist ein Gewässer, das im Verlauf eines Tages viele Farben annehmen kann. Ein Zufall entstanden aus diesem Zufall hat mich in den Arbeitscontainer von Andrea Röthlin geführt. Ich kannte sie und ihr Werk nicht und sie mich nicht. Einen halben Nachmittag habe ich ihr auf die Finger geschaut. Ihrem Handwerk zugeschaut. Ihrem Kunsthandwerk. Handwerk und Kunst. Die besteht meines Erachtens in ihrer Inspiration, in ihrem Geheimnis des Fühlens und des Sehens. Es ist etwas entstanden, das weit mehr ist als die Summe seiner Teile.

Von Kunst verstehe ich wenig. Aber ich weiss, was mir gefällt. Obwalden zum Beispiel. Oder was Andrea so macht. Ich bewundere ihren Mut, mich mit der Laudatio ihrer jüngsten Werke zu betrauen. So macht sie Kunst. Sie getraut sich Gratwanderungen zu unternehmen.

Wir stehen hier im getäferten Raum. Er ist bestens geeignet, die relativ kleinformatigen Drucke von Andrea aufzunehmen. Die Drucke haben es mir angetan. Nicht alle, aber die meisten. Ihnen gefallen vielleicht dieselben oder andere. Mehr braucht es nicht. Sie können sich auf Ihren guten Geschmack verlassen und gegen Entgelt ein Blatt mitnehmen.

Andreas Drucke zeigen mir eine Welt unter einer alltäglichen Oberfläche. Ich sehe zum Beispiel einen verwilderten Garten oder einen Meeresstrand mit aufblitzenden Spiegelungen. Farbfläche kommt auf Farbfläche, so ergibt sich eine Struktur, ein Spiel mit den Farben. Gold ist grau bis es vom Licht erfasst wird. Die Blätter scheinen mir beschwingt von einer besonderen Leichtigkeit des Seins. Ich erkenne eine dem Buddhismus entlehnte Achtsamkeit und ein fernöstlicher Tiefsinn. Dieses scheinbar Schwebende hat Andrea vielleicht mitgebracht von ihren langen Reisen.
Gleichzeitig präsentiert uns Andrea Röthlin heute gewichtige Werke mit starker Anziehungskraft. Das Licht lockt. Das in Blattgold eingekleidete Werk im Panoramaraum ist leicht und schwer zugleich. Zwei Männer allein könnten es nicht stehlen und trotzdem fliegt es fast davon.

Es scheint mir eine besondere Kunst zu sein, ein neues Kunstwerk in ein altes einzufügen. Das Panoramagemälde, das den ganzen mittelalterlichen Kanton Obwalden zeigt, hat  an der rechten Wand einen blinden Fleck. Mir scheint, dass dort goldene Lava aus den Sachslerbergen getreten ist und einen Bergsee geboren hat, der sich unter der warmen Hand des Föhns kräuselt. Ein Widerschein verleiht dem alten Kunstwerk eine warme Aura.  Der Raum wird so zum neuen Geschenk für den Betrachter. Allerdings wirklich augenfällig ist dies nur zur Mittagszeit wenn die Sonne scheint; dann ist die Galerie geschlossen. Also ist Ihre Vorstellungskraft gefordert. Kunst beschwingt die Fantasie.

Die goldene Erscheinung im Panoramazimmer ist das Negativ, die Mutter der bauchigen Form des Gemäldes rechts im Eingang. Ich sehe einen Planeten. Die bombierte Form des Bildes suggeriert eine im einsamen All rotierende Kugel. An der Wand gegenüber kreist der Trabant. Es herrscht kosmische Stille. Nicht zu hören sind die Explosionen. Zu sehen jedoch sind wabernde Gase in fast unbenennbaren Farben. Farben, die Sie jeden Morgen und Abend im Fjord entdecken können. Die Farben werden zusammengehalten von einem vermutlich innerlich glühenden Kern. So hat die Malerin gearbeitet. Die Kalligraphietusche Schicht auf Schicht mit äusserst feinen und arbeitsaufwändigen Pinselstrichen aufgetragen. Dann mit dem Schwamm zu Wolken verteilt, die einen Blick in die heisseTiefe offen lassen. Dieser Tiefe und Stille sind wir vorhin schon bei den Drucken begegnet. Adreas Arbeit fordert Aufmerksamkeit und Ruhe. Er recht wenn wir in den Keller hinuntersteigen.

Dort im Kellergang gegenüber dem Gewölbekeller begegnen wir sechs weiteren geheimnisvollen Himmelskörpern. Sie sind klein. Vielleicht weil sie zusätzliche Millionen von Lichtjahren von uns entfernt sind. Was wir sehen, ist vielleicht bloss noch das Licht von Sternen, die längst erloschen sind. Der Zyklus von Werden und Sterben.

Vis-a-vis im Gewölbekeller stehen wir vor einer Installation mit Zimbeln. Dieses Kunstwerk durchbricht das kosmische Schweigen. Bitte Ruhe bewahren und die Ohren spitzen.
Die farbigen Drucke, der blendende Bergsee und die tanzenden Planeten verdichten sich hier zu Regentropfen. Auf dem Weg nach unten verbinden sich die Tropfen mit einem Ton und verwandeln sich in eine Vorstufe von Musik. Dann fallen sie in ein Auffangbecken und verschmelzen mit dem Lebensfluss. Wie der Mensch. Er kommt, wächst, arbeitet, malt, singt, musiziert, schreibt und geht. Was bleibt ist die Kunst.

Andrea zum Abschluss: Du hast ohne Absicht ein vergängliches Kunstwerk geschaffen. Es heisst: Sprechender Mann mit Lampenfieber, der kam, etwas sagte und jetzt wieder geht. Danke für dein Vertrauen.
Presseartikel zu dieser Ausstellung:
In der Hofmatt glitzert der Sarnersee